Insel Ruden: Geschichte, Natur und Besuch im Bodden

Insel Ruden
Insel Ruden Bild: Chris CC BY-SA 2.0

Zwischen Usedom und Rügen liegt eine Insel, die kaum jemand kennt. Vom Strand der westlichen Usedomer Seebäder kannst du sie bei klarem Wetter am Horizont erahnen, ein schmaler, flacher Strich im Wasser. Der Ruden. Nur 24 Hektar groß, ohne Straße, ohne Hotel, ohne fließend Wasser. Und trotzdem steckt auf diesem winzigen Stück Land mehr Geschichte als in manch großem Ferienort.

Wir wollten wissen, was es mit dieser Insel auf sich hat. Warum man jahrzehntelang nicht hindurfte. Was der seltsame Backsteinturm bedeutet, der über allem aufragt. Und ob man heute überhaupt einen Fuß auf den Ruden setzen kann. Die Antworten reichen von mittelalterlichen Sturmfluten über Raketenversuche bis zu DDR Grenzsoldaten, die nachts den Bodden nach Flüchtenden absuchten.

Panorama Insel Ruden
Panorama Insel Ruden (Mecklenburg-Vorpommern) Bild: Saxo

Wo liegt die Insel Ruden?

Der Ruden liegt in der Mündung des Peenestroms, kurz bevor das Wasser des Greifswalder Boddens in die offene Ostsee übergeht. Die kleine Insel liegt in Sichtweite von Usedom, zwischen Usedom und Rügen. Vom Peenemünder Haken, der Nordwestspitze Usedoms, sind es nur wenige Kilometer.

Karte Insel Ruden
Karte Insel Ruden

Geologisch ist der Ruden kein gewöhnliches Eiland. Die Insel sitzt auf dem südlichen Ende der Greifswalder Boddenrandschwelle, dem Rest eines Endmoränenrückens. Vereinfacht gesagt: Hier liegt der Bodenrest einer alten Eiszeitlandschaft, den die Ostsee über die Jahrtausende fast komplett verschluckt hat. Was übrig blieb, ist flach und schmal. Von Nord nach Süd misst die Insel 2,3 Kilometer, die maximale Breite beträgt 395 Meter, die Fläche 24 Hektar.

Rund um die Insel verlaufen wichtige Fahrrinnen. Durch die Boddenrandschwelle führen das Landtief nördlich des Rudens und das Osttief östlich und südlich der Insel. Diese natürlichen Wasserstraßen sind der Grund, warum der Ruden über Jahrhunderte eine so große Rolle für die Schifffahrt spielte. Verwaltungstechnisch gehört das Eiland übrigens nicht zu Usedom, sondern zur Gemeinde Kröslin im Landkreis Vorpommern Greifswald.

Länge2,2 km
Breite390 m
Fläche24 ha
Höchste Erhebung3 m
Einwohner2

Eine Insel, die früher gar keine war

Der Ruden hat nicht immer so abgeschieden im Wasser gelegen. Im Mittelalter sah die Geografie hier völlig anders aus. Der Ruden war bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts mit der Insel Rügen verbunden. Wo heute Wellen rollen, gab es einst eine Landbrücke.

Was diese Verbindung zerriss, war die Naturgewalt. Eine große Sturmflut von 1304 trennte die Landbrücke, sodass der Ruden als Insel verblieb. In der regionalen Überlieferung wird oft die Allerheiligenflut von 1304 genannt, die der Sage nach die Verbindung zu Rügen und zur Halbinsel Mönchgut zerrissen haben soll. Hier lohnt ein kritischer Blick: Historiker sind sich über die genauen Abläufe nicht einig, und ein Teil dieser Erzählungen geht auf spätere Missverständnisse alter Chroniken zurück. Eine dramatische Trennung in einer einzigen Nacht ist eher nicht belegt, wahrscheinlicher war es ein langer Prozess aus Sturmfluten und Abtragung.

Was danach geschah, lässt sich klarer fassen. Wegen der geringen Höhe und des leicht beweglichen Sediments nahm die Fläche der Insel immer weiter ab. Das Meer nagte unaufhörlich. Ende des 19. Jahrhunderts begann man deshalb, die Insel zu befestigen, da ihre Bedeutung als Lotsenstelle hoch war. In den folgenden Jahren entstanden Schutzdeiche und Schutzwälle. Ohne diese Eingriffe wäre der Ruden heute vermutlich längst verschwunden.

Die erste schriftliche Erwähnung reicht weit zurück. Aus dem Jahr 1254 stammt mit dem „portus ruden“ die erste urkundliche Nennung. Schon damals spielte der Ort also eine Rolle als Zugang zum Wasser, auch wenn unklar bleibt, wie dieser Hafen genau aussah.

Von der Lotseninsel zur kleinen Siedlung

Inselgehöft auf Ruden
Inselgehöft auf Ruden Bild: Unukorno CC BY 4.0

Die eigentliche Blütezeit des Rudens hängt mit seiner Lage an den Fahrrinnen zusammen. Wer von der Ostsee in den Greifswalder Bodden wollte, brauchte ortskundige Hilfe. Genau das machte den Ruden zur Lotseninsel. Ab dem 17. Jahrhundert gab es auf dem Ruden eine Lotsenstation.

Lange war die Insel auch bewohnt, und zwar nicht nur von einer Handvoll Menschen. In der besten Phase lebte hier eine richtige kleine Gemeinschaft. Fünf Familien mit insgesamt 38 Einwohnern wohnten in fünf Häusern, dazu kamen zwölf Wirtschaftsgebäude, eine Schule und zwei Fabrikgebäude. Eine Schule mitten in der Ostsee, das muss man sich erst einmal vorstellen.

Zur Sicherheit auf See trug auch eine Rettungseinrichtung bei. Es gab einen Rettungsschuppen mit Slipanlage, bei dem ein Rettungsboot auf Schienen ins Wasser gelassen wurde. Bis 1942 wurden 36 Personen aus Seenot gerettet, dann riss man den Schuppen ab.

Der Turm, der alles überragt

Der Turm der Insel Ruden
Der Turm der Insel Ruden Bild: K. Retzlaff CC BY-SA 3.0

Wer heute auf dem Ruden landet, sieht als Erstes ihn: einen markanten Backsteinturm. Der 20 Meter hohe Backsteinturm prägt die abgeschiedene Insel. Mancher nennt ihn den Geisterturm, was zur einsamen Stimmung passt. Seine wahre Geschichte ist allerdings düsterer als jede Spukgeschichte.

Der Turm stammt aus der NS Zeit und hatte eine militärische Aufgabe. Er wurde als Flugbeobachtungsturm gebaut. Von hier aus überwachte man die Raketenstarts der V1 und V2 der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Der Ruden lag damit in direkter Sichtlinie zu einem der berüchtigtsten Rüstungsstandorte des Zweiten Weltkriegs.

Bemerkenswert: Diese Türme waren früher häufiger, heute sind sie eine Rarität. Erhalten ist im Ostseeraum nur noch dieser und einer auf der polnischen Insel Wollin. Vor dem Turm finden sich landseitig noch die Reste einer Flakstellung, ein stummes Zeugnis der Kriegsjahre.

Sperrgebiet im Kalten Krieg

Flagstellung Ruden
Alte Flagstellung von Ruden Bild: Unukorno CC BY 4.0

Nach 1945 endete die militärische Nutzung nicht, sie wechselte nur die Vorzeichen. In der DDR wurde der Ruden zum Teil des streng bewachten Grenzregimes an der Ostseeküste. Grenzsicherungseinheiten der 6. Grenzbrigade Küste der Volksmarine nutzten den Turm als Funkmessstation, um Fluchten aus der DDR zu verhindern.

Die Insel war kein Ausflugsziel mehr, sondern ein Posten an der Mauer im Wasser. Nachdem 1972 die Lotsenstation geschlossen worden war, waren bis zur Aufgabe der Grenzstation 1990 etwa 20 Grenzsoldaten dauerhaft in der Kaserne stationiert und überwachten den Übergang vom Bodden zur freien Ostsee. Wer vom Bodden aus Richtung offene See wollte, geriet ins Visier dieser Wachmannschaft.

Der Greifswalder Bodden war eine bekannte Fluchtroute, und der Ruden lag mittendrin. Diese Spannung zwischen Sehnsucht nach Freiheit und lückenloser Kontrolle macht die Insel zu einem eindrücklichen Ort der Zeitgeschichte. Bei den heutigen Führungen erfährst du viel über die Rolle der Insel im Kontext der innerdeutschen Grenze.

Naturschutz: Warum man nicht einfach hindarf

Schon lange vor dem Tourismus stand der Ruden unter Schutz. Die Insel gehört seit 1925 zum Naturschutzgebiet „Peenemünder Haken, Struck und Ruden“. Das ist einer der ältesten Schutzstatus an der deutschen Ostseeküste.

Der Grund liegt in der Tierwelt. Die flachen Sandbänke rund um die Insel sind ein Paradies für Vögel. Die Flachwasserbereiche sind Lebensraum vieler Vogelarten, eine der größten Populationen bilden die Kormorane. Tausende dieser schwarzen Taucher sitzen auf den Steinen und trocknen ihr Gefieder.

Eine kuriose Besonderheit sind die Bienen. Auf dem Ruden gibt es eine Belegstelle, in der Buckfastbienen gehalten und gezüchtet werden. Durch die Abgeschiedenheit lässt sich ausschließen, dass sich die Population mit anderen Bienenvölkern vermischt. Die Insellage sorgt für genetisch saubere Zuchtbedingungen, ein echter Vorteil für Imker.

Auch Robben gehören mittlerweile zum festen Bild. An der Südmole lassen sich die bis zu 300 Kilogramm schweren Kegelrobben beobachten. Sie liegen auf den steinigen Untiefen im Bodden und sind oft das Highlight einer Tour.

Kann man die Insel Ruden besuchen?

Hafen der Insel Ruden
Hafen der Insel Ruden Bild: Chron-Paul CC BY-SA 3.0

Die kurze Antwort: ja, aber nur kontrolliert. Nach Jahrzehnten der Sperrung ist der Ruden wieder zugänglich, unter strengen Regeln. Seit Sommer 2021 ist die Insel wieder geöffnet, allerdings ausschließlich im Rahmen geführter Touren, weil sie empfindliche Naturzonen beherbergt und unter strengem Naturschutz steht.

Wichtig für alle, die mit dem eigenen Boot anreisen wollen: Das geht nicht. Für private Bootsanleger und Inseltouren im Alleingang bleibt die Insel gesperrt. Der kleine Hafen ist nur für die offiziellen Fahrten und die Naturschutzbetreuung gedacht.

Den Zugang organisiert vor allem eine Reederei. Die Apollo GmbH Fahrgastreederei bietet ab Peenemünde Seereisen über den nördlichen Peenestrom zum Ruden und zu den Kegelrobben an. Auf den Inseln gehören Führungen zum Programm. Der typische Ablauf: Start im Hafen Peenemünde, dann über den nördlichen Peenestrom vorbei an der Nordspitze Usedoms. An der Südmole siehst du die Kegelrobben, eine Führung durch die beiden Inselbewohner ist enthalten, und der alte Messturm ist als Aussichtsplattform begehbar.

Wie lange dauert das Ganze? Nach rund 45 Minuten Schifffahrt hast du bei einem Landgang etwa anderthalb Stunden auf der Insel. Wer mehr sehen will, bucht die Kombitour mit der benachbarten Greifswalder Oie. Vom Ruden zur Greifswalder Oie dauert die Überfahrt noch einmal etwa eine Stunde.

Es gibt auch eine zweite Option ab dem Festland. Das Hotel Leuchtfeuer in Freest fährt vom kleinen Freester Hafen aus mit dem Fischkutter Lütt Matten zur Insel. Diese Fahrten sind nicht an feste Fahrpläne gebunden, sondern frei buchbar.

Für die Anreise zum Starthafen bist du gut angebunden. Die Usedomer Bäderbahn fährt den Bahnhof Peenemünde stündlich an, sodass sich ein Schiffsausflug bequem in den Usedom Urlaub einbauen lässt.

Was du vor dem Besuch wissen solltest

Ein paar praktische Dinge solltest du im Kopf haben, damit der Ausflug entspannt bleibt.

Auf der Insel gibt es keine touristische Versorgung. Es gibt keine Gastronomie und keine Übernachtung, der Ruden ist ein reines Tagesausflugsziel. Selbst die wenigen Bewohner leben einfach. Der Hafenmeister und seine Frau, die einzigen verbliebenen Einwohner, kommen ohne Stromanschluss und fließend Wasser aus. Wer einen Imbiss braucht, ist auf das Angebot an Bord angewiesen.

Du bewegst dich außerdem nicht frei. Durch die ausgewiesenen Wanderwege ist der Bewegungsspielraum begrenzt. Das ist keine Schikane, sondern Naturschutz. Trotzdem bekommst du viel zu sehen, denn der Weg führt über sandige Pfade durch ein kleines Kiefernwäldchen.

Plane saisonal. Der Saisonfahrplan der Apollo Reederei läuft voraussichtlich vom 1. April bis 31. Oktober 2026. Außerhalb dieser Zeit fahren keine regulären Ausflugsschiffe. Wie abgeschnitten die Insel im Winter sein kann, zeigte sich erst kürzlich: Nach Wochen völliger Isolation im Eiswinter 2026 war der Ruden Anfang März erstmals seit Mitte Januar wieder per Schiff erreichbar.

Den Aufstieg auf den Turm solltest du nicht auslassen. Von oben hast du einen Überblick über die Insel und den Greifswalder Bodden, den du vom Boden aus nicht bekommst.

Was Ruden heute ausmacht

Hinter der heutigen Zugänglichkeit steckt einiges an Arbeit. Die Naturschutzgesellschaft Vorpommern leistet die naturschutzfachliche Arbeit und hat die Infrastruktur wiederhergestellt, um den Ruden für Tagesbesucher zu öffnen. Möglich wurde das auch durch einen neuen Hafen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt finanzierte als Flächeneigentümerin den Bau der Hafenanlage, sodass Fahrgastschiffe wieder anlegen können und auch die Naturschutzgesellschaft sicher festmacht.

Genau das macht den Ruden so besonders. Er ist kein durchgestylter Ferienort und will es auch gar nicht sein. Stattdessen liegen hier mehrere Schichten Geschichte direkt nebeneinander: mittelalterliche Sturmfluten, eine untergegangene Lotsensiedlung, der Schatten von Peenemünde, die Grenze des Kalten Krieges und heute ein streng geschütztes Stück Natur mit Robben, Kormoranen und Bienen.

Wer das Besondere an der Ostsee sucht, abseits der vollen Strandpromenaden, findet auf diesem schmalen Eiland genau das. Eine Insel, die fast verschwunden wäre, jahrzehntelang verboten war und sich ihre Geschichte trotzdem bewahrt hat. Du musst nur ein Schiff nehmen und dich auf die Stille einlassen.

Häufige Fragen zur Insel Ruden

Kann man die Insel Ruden besuchen? Ja. Seit Sommer 2021 ist der Ruden wieder zugänglich, allerdings nur im Rahmen geführter Schiffstouren. Mit dem eigenen Boot darf man nicht anlegen, das verbietet der Naturschutz.

Wie kommt man zur Insel Ruden? Hauptsächlich über die Apollo Reederei ab Peenemünde. Die Überfahrt dauert etwa 45 Minuten, danach hast du rund anderthalb Stunden auf der Insel. Alternativ fährt das Hotel Leuchtfeuer in Freest mit dem Fischkutter Lütt Matten frei buchbare Touren.

Wo liegt die Insel Ruden? In der Mündung des Peenestroms im Greifswalder Bodden, zwischen Usedom und Rügen, nur wenige Kilometer vom Peenemünder Haken entfernt. Verwaltungstechnisch gehört sie zur Gemeinde Kröslin.

Wie groß ist die Insel Ruden? Die Insel ist 24 Hektar groß, etwa 2,3 Kilometer lang und maximal 395 Meter breit. Sie ist sehr flach.

Was ist der Turm auf dem Ruden? Ein 20 Meter hoher Backsteinturm aus der NS Zeit, ursprünglich Flugbeobachtungsturm zur Überwachung der Raketenstarts in Peenemünde. Später nutzte ihn die DDR Grenzüberwachung. Heute dient er als Aussichtsplattform.

Gibt es auf dem Ruden Gastronomie oder Übernachtung? Nein. Der Ruden ist ein reines Tagesausflugsziel ohne Gastronomie und ohne Übernachtungsmöglichkeit. Verpflegung gibt es nur an Bord der Schiffe.

Wann kann man den Ruden besuchen? In der Saison von etwa April bis Oktober. Im Winter ist die Insel oft wochenlang nicht erreichbar, 2026 war sie zwischen Mitte Januar und Anfang März komplett vom Festland abgeschnitten.

Kann man auf dem Ruden Robben sehen? Ja. An der Südmole liegen oft Kegelrobben auf den steinigen Untiefen, einzelne Tiere wiegen bis zu 300 Kilogramm. Ob du sie siehst, hängt von Wetter und Wasserstand ab.

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