Greifswalder Oie: Das Helgoland der Ostsee

Greifswalder Oie von oben
Greifswalder Oie von oben Bild: Bundesanstalt für Wasserbau CC BY 4.0

Zwölf Kilometer vor Usedom liegt eine Insel, die so gar nicht zum flachen Bild der Ostsee passen will. Statt Sandstrand und Dünen ragt hier eine bis zu 19 Meter hohe Steilküste aus dem Wasser, gekrönt vom höchsten Leuchtturm Mecklenburg-Vorpommerns. Die Greifswalder Oie. Auf ihren gerade einmal 54 Hektar drängt sich eine Geschichte, die von mittelalterlichen Pferdekoppeln über die ersten deutschen Großraketen bis zur größten Vogelberingungsstation des Landes reicht.

Wir wollten wissen, warum man diese Insel das Helgoland der Ostsee nennt. Warum hier ausgerechnet Raketen flogen, bevor Peenemünde überhaupt fertig war. Und wie du die Oie heute besuchen kannst, denn ganz so einfach wie ein Strandtag ist das nicht.

Panorama Ostseeinsel Greifswalder Oie
Panorama Ostseeinsel Greifswalder Oie Bild: Unukorno CC BY 4.0

Wo liegt die Greifswalder Oie?

Die Insel liegt an der Schwelle des Greifswalder Boddens zur offenen Ostsee, deutlich weiter draußen als die meisten anderen deutschen Inseln. Die etwa 54 Hektar große Insel liegt am Übergang des Greifswalder Boddens zur offenen Ostsee. Sie wird oft als das Helgoland der Ostsee bezeichnet, weil sie weiter vom Festland entfernt ist als andere deutsche Ostseeinseln.

Geologisch unterscheidet sich die Oie stark vom flachen Ruden in der Nachbarschaft. Das etwa 1500 Meter lange und 750 Meter breite Eiland besteht aus einem Plateau von maximal 18 Metern Höhe und ist der Rest eines ehemals viel größeren Gebietes, das in der Frühgeschichte mit dem Festland verbunden war. Das Inselmassiv besteht aus eiszeitlichem Geschiebemergel. Diese feste Lehmstruktur ist der Grund, warum die Oie ihre charakteristische Steilküste hat. Die Insel ist etwa 1.550 Meter lang, maximal 570 Meter breit und an der Ostseite von einer bis zu 19 Meter hohen Steilküste umgeben.

Verwaltungstechnisch ist die Lage etwas überraschend. Die Greifswalder Oie ist Usedom etwa zwölf Kilometer vorgelagert und gehört verwaltungsrechtlich zur auf dem Festland gelegenen Gemeinde Kröslin. Damit teilt sie sich die Gemeinde mit dem benachbarten Ruden.

Karte Insel Greifswalder Oie
Karte Insel Greifswalder Oie

Woher kommt der seltsame Name?

Der Name klingt für Ortsfremde rätselhaft, dabei steckt eine simple Erklärung dahinter. Oie ist niederdeutsch für kleine Insel und wird wie der Diphthong oi gesprochen. Der erste Wortteil verrät den früheren Besitzer.

Die Geschichte beginnt im Hochmittelalter mit einem Verkauf. Die wechselvolle Geschichte des Eilandes begann mit dem Verkauf der Insel von der Stadt Wolgast an die Stadt Greifswald im Jahr 1291, daher der Name Greifswalder Oie. Wolgast wiederum musste die Insel notgedrungen abgeben. Sie war ein Geschenk des Pommernfürsten Bogislaw IV. aus dem Jahr 1282, das Wolgast aus Geldmangel verkaufen musste.

Was die Greifswalder mit ihrer neuen Insel anstellten, klingt heute fast idyllisch. Die Greifswalder schickten ihre Zuchtpferde zur Sommerweide auf die Insel. Erst um 1850 wurde die Oie von drei Pächterfamilien dauerhaft besiedelt, die neben Fischfang auch eine bescheidene Landwirtschaft betrieben. Eine dauerhafte Besiedlung gab es also erst spät, vorher diente die Oie schlicht als abgelegene Pferdekoppel.

Greifswalder Oie Blick nach Norden
Greifswalder Oie Blick nach Norden Bild: Federal Waterways Engineering and Research Institute CC BY 4.0

Der höchste Leuchtturm in Mecklenburg-Vorpommern

Das Wahrzeichen der Insel ist ihr Leuchtturm, und der hat es in sich. Die exponierte Lage machte ein Seezeichen früh notwendig. Die Lage der Insel am Kreuzweg verschiedener Schifffahrtslinien und in einem ausgeprägten Flachwassergebiet drängte schon früh auf Leuchtzeichen. Das erste Leuchtfeuer wurde 1832 errichtet, erwies sich aber bald als unzulänglich.

Leuchtturm „Greifswalder Oie“
Leuchtturm „Greifswalder Oie“ Bild: Unukorno CC BY 4.0

Der heutige Turm entstand wenig später. Errichtet wurde er von 1853 bis 1855 unter der Bauleitung des Baumeisters und Architekten Hermann Kirchhoff. Was die Zahlen angeht, spielt er in einer eigenen Liga. Der Leuchtturm ist 38,6 Meter hoch, das Leuchtfeuer liegt 48,5 Meter über dem Meeresspiegel und hat bei guten Bedingungen eine Reichweite von 26 Seemeilen. Es ist der östlichste und zugleich lichtstärkste Leuchtturm in Mecklenburg-Vorpommern. Eine kuriose Besonderheit fällt nur Fachleuten auf: Das Leuchtfeuer dreht sich linksherum.

Hinter dem Turm steckt auch eine menschliche Geschichte, die irgendwann zu Ende ging. Als letzter der Leuchtfeuermaschinisten verließ Heinz Mai mit seiner Familie 1978 die Greifswalder Oie und beendete damit die über 130-jährige Geschichte der Leuchtfeuerwärter auf der Insel. Heute läuft das Leuchtfeuer automatisch. Wer mag, kann den Turm bei einem Besuch besteigen, die Tickets dafür gibt es an Bord des Schiffes.

Wo die ersten deutschen Großraketen flogen

Raketen-Leitbunker der Wehrmacht von 1939
Raketen-Leitbunker der Wehrmacht von 1939 Bild: Chron-Paul / Lämpel schnacken CC BY-SA 3.0 de

Jetzt wird es überraschend. Bevor das benachbarte Peenemünde zum Synonym für die deutsche Raketenforschung wurde, war die Greifswalder Oie der eigentliche Schauplatz der ersten Starts. Das hat einen einfachen Grund: Peenemünde war schlicht noch nicht fertig.

Die frühen Raketen wurden bis dahin nur am Boden getestet. In Kummersdorf wurden lediglich die Flüssigkeitstriebwerke getestet, zu einem Start der Raketen A1, A2 und A3 kam es dort nicht. Für echte Flüge brauchte man einen abgeschiedenen Ort über dem Wasser, und die einsame Oie bot sich an. Die A3 war die weltweit erste flüssigkeitsgetriebene Großrakete, knapp sieben Meter lang, angetrieben von Alkohol und flüssigem Sauerstoff. Ihr Erststart erfolgte am 4. Dezember 1937 von der Insel Greifswalder Oie, weil Peenemünde noch nicht fertig war.

Ein technischer Triumph war das allerdings nicht. 1937 wurden vier Versuchsmuster der Rakete A3 auf der Greifswalder Oie gestartet. Sie misslangen alle, weil die Steuerruder im Verhältnis zu den festen Rudern zu klein waren. Aus diesen Fehlschlägen lernte das Team unter Wernher von Braun, das ab 1937 nach Peenemünde zog und dort die spätere A4 entwickelte, die als V2 traurige Berühmtheit erlangte.

Hier ist ein kritischer Punkt wichtig, der oft untergeht: Diese Technikgeschichte hat eine dunkle Seite. Die V2 wurde unter Einsatz tausender Zwangsarbeiter gebaut, viele von ihnen starben unter unmenschlichen Bedingungen. Die Oie war der harmlos wirkende erste Schauplatz einer Entwicklung, die später als Waffe gegen Städte wie London eingesetzt wurde. Wer sich für die ganze Geschichte interessiert, findet sie im Historisch-Technischen Museum in Peenemünde aufgearbeitet.

Sperrgebiet und Wiederentdeckung

Nach der Raketenzeit blieb die Insel militärisch genutzt. Im vergangenen Jahrhundert wurde die Insel zum militärischen Sperrgebiet, der Heeresversuchsanstalt Peenemünde zugeordnet und nach 1945 von der NVA weiter genutzt. Für die Öffentlichkeit war die Oie damit über Jahrzehnte unerreichbar.

Mit der Wende kippte die Lage zunächst ins Gegenteil. Nach der Wende wurde das Sperrgebiet aufgehoben, was aber dem Vandalismus Tür und Tor öffnete. Eine Änderung kam erst, als die Greifswalder Oie unter Naturschutz gestellt wurde. Der Schutzstatus rettete die Insel vor dem Verfall.

Ein Hotspot für den Vogelzug

Heute ist die Oie vor allem eines: eine der wichtigsten Vogelinseln Deutschlands. Ihre Lage macht sie zum natürlichen Trittstein für Zugvögel. Vor den Küsten Polens, Litauens und Lettlands gibt es keine Inseln. Dadurch erhält die Greifswalder Oie eine besondere Schlüsselfunktion für den Vogelzug.

Das schlägt sich in beeindruckenden Zahlen nieder. Auf der Oie steht die größte deutsche Vogelberingungsstation, etwa 20.000 Vögel werden hier jährlich registriert. Betreut wird das Ganze von einem erfahrenen Verein. Das Naturschutzgebiet wird seit 1993 vom Verein Jordsand betreut, der hier in Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Hiddensee die Beringungen durchführt.

Auch die umliegenden Gewässer sind ökologisch wertvoll, gerade im Winter. Bis zu 45.000 Eisenten und 17.000 Bergenten, dazu Trauer-, Samt- und Schellenten in großen Schwärmen, sind oft monatelang im Seegebiet zwischen Oie, Peenemünder Haken und Mönchgut zu sehen. Es ist damit das wichtigste Überwinterungsgebiet für diese Arten in der südlichen Ostsee. Der Schutzstatus folgte dieser Bedeutung. Mit der Unterschutzstellung als Naturschutzgebiet wurde dem 1990 erstmals Rechnung getragen.

Damit die Insel nicht zuwächst, helfen tierische Landschaftspfleger. Rauhwollige Pommersche Landschafe beweiden im Rahmen eines Biotopmanagements die Koppeln der Insel. Diese extensive Landnutzung verhindert ein Verbuschen der Offenlandflächen und schafft gute Bedingungen für Rast- und Brutvögel. Eine skurrile Randnotiz: Weil ein Naturschützer vor einigen Jahren illegal acht Siebenschläfer aussetzte, leben heute nach Schätzungen des Jordsand-Vereins etwa 800 dieser Nager auf der Insel, die auch Vögel und deren Eier fressen.

Kann man die Greifswalder Oie besuchen?

MS Seeadler unternimmt Fahrten zur Greifswalder Oie
MS Seeadler unternimmt Fahrten zur Greifswalder Oie Bild: Coastal Roamer CC BY-SA 4.0

Ja, aber nur mit Planung. Die Oie ist kein Ort für Spontane. Ein Besuch ist mit dem Fahrgastschiff Seeadler von Peenemünde und Freest aus möglich. Von Mai bis Oktober verkehrt es mehrfach pro Woche, im Winter einmal wöchentlich.

Der wichtigste Hinweis vorweg, sonst stehst du am Hafen und kommst nicht mit: Wer auf die Oie möchte, muss die Karten vorher buchen und kann nicht spontan mitfahren. Anders als beim Ruden ist die Besucherzahl streng begrenzt, deshalb lohnt sich frühzeitiges Reservieren.

Vor Ort wirst du nicht allein gelassen. Der Verein Jordsand zeigt die Insel bei einer Führung, erzählt das Wissenswerte rund um das Naturschutzgebiet und erläutert die Geschichte der Oie. Die Führungen sind kostenlos, über eine Spende freut sich der Verein. Ein typischer Ablauf sieht so aus: Der Rundgang beginnt mit einer Einweisung auf dem Schiff, bei der die Verhaltensregeln erklärt werden. Anschließend stellt der Verein Jordsand am Stützpunkt seine Arbeit vor. Danach kann man auf eigene Faust die ausgewiesenen Wege entlangwandern oder den Leuchtturm besuchen.

Plane genug Zeit ein, der Aufenthalt ist knapper als er klingt. Die Insel ist zwar nur 1550 Meter lang und 570 Meter breit, aber wenn man das ganze Programm inklusive Leuchtturmbesichtigung mitmacht, sind die zwei Stunden Aufenthalt recht knapp bemessen.

Das Gebäude der DGzRS
Das Gebäude der DGzRS Bild: Unukorno CC BY 4.0

Was du vor dem Besuch wissen solltest

Ein paar praktische Dinge ersparen dir Ärger.

Erstens, die Buchung ist Pflicht. Ohne vorher reservierte Karte hast du keine Chance auf einen Platz, weil das Kontingent klein ist. Das ist der größte Unterschied zum Nachbarn Ruden, den man deutlich spontaner anfahren kann.

Zweitens, du bleibst auf den Wegen. Die Oie ist ein hochsensibles Schutzgebiet mit brütenden und rastenden Vögeln. Die ausgewiesenen Pfade sind kein Vorschlag, sondern verbindlich.

Drittens, die Insel ist exponiert und wetterabhängig. Im Winter ist sie schwer erreichbar, früher musste die Versorgung zeitweise sogar per Hubschrauber laufen, wenn der Hafen vereist war. Für einen entspannten Besuch ist die Saison von Mai bis Oktober die sichere Wahl.

Viertens, der Hafen ist kein normaler Anleger. Der Hafen dient sonst ausschließlich als Nothafen. An der Südwestspitze ist außerdem die Seenotrettung präsent. Seit 1877 gibt es dort einen Fischereinothafen, und seit 1991 ist wieder eine Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger eingerichtet.

Was die Greifswalder Oie heute ausmacht

Die Oie ist ein seltener Fall: eine Insel, die durch ihre Abgeschiedenheit gewonnen hat. Was jahrzehntelang Sperrgebiet war, ist heute ein Rückzugsraum für Zigtausende Vögel und ein Ort, an dem man Natur und Geschichte direkt nebeneinander erlebt.

Auf engstem Raum liegen hier mittelalterliche Pferdeweiden, ein über 150 Jahre alter Leuchtturm, der Startplatz der ersten deutschen Großraketen und eine Vogelwarte von internationalem Rang. Dazu eine Steilküste, wie man sie an der südlichen Ostsee kaum erwartet. Das Helgoland der Ostsee ist kein Marketingspruch, sondern beschreibt ziemlich treffend, wie anders sich diese Insel anfühlt.

Wer bereit ist, vorher zu buchen und sich auf ein geführtes Programm einzulassen, bekommt einen der eindrucksvollsten Naturorte der deutschen Ostsee. Ruhig, rau und voller Geschichte. Du musst nur rechtzeitig dein Ticket sichern und ein Schiff ab Peenemünde oder Freest nehmen.

Häufige Fragen zur Greifswalder Oie

Kann man die Greifswalder Oie besuchen? Ja, aber nur mit vorab gebuchtem Ticket. Die Insel ist ein streng geschütztes Naturschutzgebiet, die Besucherzahl ist begrenzt, und spontanes Mitfahren ist nicht möglich.

Wie kommt man zur Greifswalder Oie? Mit dem Fahrgastschiff Seeadler ab Peenemünde und Freest. Von Mai bis Oktober fährt es mehrfach pro Woche, im Winter einmal wöchentlich. Die Karten müssen vorher gebucht werden.

Warum heißt die Insel Greifswalder Oie? Oie ist niederdeutsch für kleine Insel. Der erste Teil verweist auf die Stadt Greifswald, die das Eiland 1291 von der Stadt Wolgast kaufte.

Wie hoch ist der Leuchtturm der Greifswalder Oie? Der Leuchtturm ist 38,6 Meter hoch, das Leuchtfeuer liegt 48,5 Meter über dem Meeresspiegel. Er ist der höchste und lichtstärkste Leuchtturm Mecklenburg-Vorpommerns mit einer Reichweite von 26 Seemeilen.

Wurden auf der Greifswalder Oie Raketen gestartet? Ja. Am 4. Dezember 1937 startete hier die A3, die erste flüssigkeitsgetriebene Großrakete, weil Peenemünde noch nicht fertig war. Alle vier Versuche scheiterten, lieferten aber wichtige Erkenntnisse für die spätere Entwicklung in Peenemünde.

Warum ist die Greifswalder Oie für Vögel so wichtig? Weil es vor den Küsten Polens, Litauens und Lettlands keine Inseln gibt, ist die Oie ein zentraler Trittstein für den Vogelzug. Auf ihr steht die größte deutsche Vogelberingungsstation mit rund 20.000 registrierten Vögeln pro Jahr.

Wie groß ist die Greifswalder Oie? Die Insel ist etwa 54 Hektar groß, rund 1550 Meter lang und maximal 570 Meter breit. Sie hat eine bis zu 19 Meter hohe Steilküste.

Gibt es auf der Greifswalder Oie Gastronomie oder Übernachtung? Für normale Besucher nicht. Die Oie ist ein Tagesausflugsziel mit geführtem Programm. Wer übernachten will, ist auf Usedom oder das Festland angewiesen.

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