
Stettin, polnisch Szczecin, ist einer der unterschätztesten Städtetrips Europas. Die Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern liegt nur sieben Kilometer hinter der deutschen Grenze und rund 130 Kilometer von Berlin entfernt, näher als so manches deutsche Ausflugsziel. Mit über 400.000 Einwohnern ist sie die siebtgrößte Stadt Polens, und trotzdem kennen sie viele nur als Schild auf der Autobahn Richtung Danzig. Zu Unrecht, denn die Stadt an der Oder hat eine prächtige Uferpromenade, ein restauriertes Herzogsschloss, weite Parks und mit dem Stettiner Haff eine eigene Ostseebucht direkt vor der Haustür.
Ein Trip nach Stettin lohnt sich nicht nur mit dem Auto. Mit dem Zug erreicht man den Bahnhof Szczecin Główny bequem, und das günstige Länderticket Mecklenburg-Vorpommern macht die Anreise erschwinglich. Wer mag, kombiniert den Städtetrip mit ein paar Tagen am Wasser.
Inhaltsverzeichnis
Die Ostseebucht bei Stettin: das Stettiner Haff
Wenn von der „Ostseebucht bei Stettin“ die Rede ist, ist das Stettiner Haff gemeint, polnisch Zalew Szczeciński, auch Oderhaff oder Pommersches Haff genannt. Genau genommen ist es keine offene Bucht, sondern eine riesige Lagune im Mündungsbereich der Oder, eines der größten Haffe der gesamten Ostsee. Rund 900 Quadratkilometer misst es, etwa 50 Kilometer lang, bis zu 20 Kilometer breit und im Schnitt nur vier Meter tief.
Von der offenen Ostsee, der Pommerschen Bucht, trennen das Haff die beiden Inseln Usedom und Wolin. Nur durch drei schmale Meeresarme steht es mit dem Meer in Verbindung: Peenestrom, Swine und Dziwna. Mitten durch das Wasser verläuft seit 1945 die deutsch-polnische Grenze, die man heute beim Segeln oder mit der Fähre ganz ohne Formalitäten überquert. Über die Haffrinne und den 1880 fertiggestellten Piastenkanal, die alte Kaiserfahrt, erreichen selbst größere Schiffe vom Haff aus die Ostsee. Genau deshalb ist Stettin trotz seiner Lage tief im Binnenland ein bedeutender Seehafen.
Das Haff ist flach, geschützt und im Sommer angenehm warm, ein ruhiges Gegenstück zu den belebten Seebädern auf Usedom. Die Ufer säumt über weite Strecken Schilf, dazwischen liegen kleine Fischerhäfen und stille Badestellen. Auf der polnischen Seite locken Orte wie Nowe Warpno (Neuwarp), Stepnica und Trzebież (Ziegenort) mit einem ursprünglichen, entschleunigten Urlaub. Trzebież ist außerdem das Zentrum des polnischen Segelsports. Auf der deutschen Seite reihen sich Ueckermünde, Mönkebude und Altwarp am Wasser auf. Baden lässt sich an vielen flachen, kinderfreundlichen Stellen, und für Hunde ist das Haff durch seine geschützte Lage ideal.
Für Wassersportler ist diese Ostseebucht ein dankbares Revier. Das weitläufige Haff lässt sich auch bei viel Wind entspannt besegeln, die Wege zwischen den über dreißig Marinas und Anlegestellen sind kurz, und viele Häfen auf der polnischen Seite wurden zuletzt modernisiert. Wer von Stettin aus also nicht nur Stadt, sondern auch Wasser und Natur erleben möchte, muss nicht weit fahren.

Geschichte von Stettin
Stettins Wurzeln reichen bis ins frühe Mittelalter zurück, als hier slawische Stämme siedelten. Im 13. Jahrhundert vereinte Herzog Barnim I. mehrere Gemeinden und verlieh ihnen das Stadtrecht. Dank der günstigen Lage am nördlichen Ende der Oder wuchs Stettin schnell zu einem bedeutenden Handelszentrum und trat bereits 1278 der Hanse bei. 1309 machte Otto I. aus dem Greifengeschlecht der pommerschen Herzöge die Stadt zu seiner Residenz.
Die Jahrhunderte danach waren wechselhaft. Mitte des 15. Jahrhunderts wütete die Pest fast 15 Jahre lang. Im 16. Jahrhundert kam mit der Reformation die erste weltliche Hochschule Pommerns. Später gehörte Stettin zu Schweden, ging im 18. und 19. Jahrhundert nach und nach an Preußen über und wurde ab 1871 Teil des Deutschen Reichs. Genau diese wechselvolle Geschichte, slawisch, deutsch, schwedisch, preußisch, polnisch, liest man dem Stadtbild bis heute ab.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Stettin schwer getroffen. 1943 und 1945 zerstörten Luftangriffe Hafengebiet und Altstadt zu rund 90 Prozent. Nach Kriegsende fiel die Stadt an Polen, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben, Polen aus dem Osten siedelten sich an. Seit dem 19. Mai 1946 ist Szczecin der amtliche Name.
Sehenswürdigkeiten in Stettin
Die gute Nachricht für Besucher: Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen nah beieinander und lassen sich gut zu Fuß erkunden. Am einfachsten folgt man der rot gestrichelten Touristenroute auf dem Gehweg. Sie beginnt am Hauptbahnhof und führt auf sieben Kilometern an 42 Stationen vorbei.
Das Schloss der Pommerschen Herzöge ist das Wahrzeichen der Stadt. Auf dem Burgberg standen schon seit 1124 Bauten der Herrscher, das heutige Renaissanceschloss ist eine originalgetreue Rekonstruktion nach den Kriegszerstörungen. Drinnen warten Museum, Oper und Kino, im Innenhof finden oft Konzerte statt, und vom Glockenturm erklingt täglich um zwölf Uhr das Turmlied. Abends wird die Fassade stimmungsvoll beleuchtet.
Die Hakenterrasse (polnisch Wały Chrobrego) ist die berühmteste Ansicht Stettins. Die 500 Meter lange Anlage aus Treppen, Plateaus, Pavillons und Brunnen zieht sich eine 19 Meter hohe Uferböschung hinauf. Sie wurde zwischen 1902 und 1921 angelegt und trägt den Namen des früheren Oberbürgermeisters Hermann Haken. Oben säumen das Nationalmuseum, die Seefahrtsakademie und das prächtige Woiwodschaftsamt die Promenade, unten bietet sich ein weiter Blick über Oder und Hafen.
Die Jakobskathedrale ist eine der größten Kirchen Pommerns, gebaut in Backsteingotik. Wer den hohen Turm besteigt, sieht die Stadt von oben, ein Aufzug erleichtert den Aufstieg.
Der Heumarkt (Rynek Sienny) mit dem Alten Rathaus zeigt die schönsten bunten Bürgerhäuser der Altstadt. Das Rathaus aus rotem Backstein beherbergt heute das Stadtgeschichtsmuseum.
Die Stettiner Philharmonie ist der moderne Gegenpol zur historischen Altstadt. Der weiße, kristalline Bau ähnelt einem Eispalast und wurde 2015 mit dem Mies-van-der-Rohe-Award als bestes zeitgenössisches Gebäude Europas ausgezeichnet.
Ein besonderes Erlebnis sind die unterirdischen Stadtrouten (Underground City Trails) unter dem Hauptbahnhof. Das Tunnelsystem diente im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker und später im Kalten Krieg, heute führen mehrere thematische Routen hindurch.
Stettin als grüne Stadt am Wasser
Was viele überrascht: Stettin besteht zu rund einem Viertel aus Wasser und zu einem weiteren Viertel aus Grünflächen. Die Oder teilt sich in zahlreiche Arme und Kanäle, dazwischen liegen bewaldete und bebaute Flussinseln. Vom Boot aus lässt sich die Stadt besonders schön erkunden, unterhalb der Hakenterrasse starten Hafenrundfahrten.
Wer es grün mag, findet weite Parks wie den Jasne-Błonia-Park oder den Kasprowicz-Park. Südöstlich der Stadt lädt das Buchenwald-Naturschutzgebiet Puszcza Bukowa zum Wandern ein, in zehn Minuten mit dem Regionalzug erreichbar. Und südlich der Stadt, am Übergang zum Haff, liegt der Dammsche See (Jezioro Dąbie), 15 Kilometer lang, mit Stränden, die im Sommer zum Baden einladen.
Brücken von Stettin
In Stettin liegen die letzten Brücken der Oder vor ihrer Mündung ins Haff. Im Stadtgebiet kreuzen vier Straßen und zwei Eisenbahnstrecken den vielfach verzweigten Strom. Im Bereich des Landschaftsschutzparks Unteres Odertal verläuft die Autostrada A6, die Berlin mit Danzig verbindet. Die im Krieg zerstörte Bahnhofsbrücke wurde nicht wieder aufgebaut, ihre Reste verbinden heute nur noch die Ahrensinsel mit der Silberwiese. An Stelle der alten Hansabrücke steht heute die Lange Brücke (Most Długi). Zwischen Schloss und Hakenterrasse quert die autobahnähnliche Schlossstraße (Trasa Zamkowa) als letzte Oderbrücke vor der Mündung das Wasser.
Veranstaltungen in Stettin
Über das Jahr verteilt ist in Stettin einiges los, von Festivals über Segelevents bis zum Weihnachtsmarkt. Hier die wichtigsten wiederkehrenden Veranstaltungen nach Monat.
Februar bis Juni: Szczecin Jazz. Ein über mehrere Monate laufendes Jazzfestival mit Konzerten, Ausstellungen und Musikworkshops.
- März: Stettiner Ostermarkt. Eine Woche vor Ostern verwandelt sich die Blumenallee beim Touristeninformationszentrum in einen farbenfrohen Markt. Etwa zur selben Zeit blühen auf den Jasne Błonia die berühmten violetten Krokusteppiche, ein beliebtes Frühlingsschauspiel.
- Mai: Picknick an der Oder. Eine große Tourismusmesse an der Hakenterrasse, bei der sich Regionen, Reiseveranstalter und Künstler präsentieren. Im Mai finden außerdem das Studentenfest Juwenalia und das Weinfest im Schloss der Pommerschen Herzöge statt.
- Juni: Tage des Meeres und Stettiner Bierfest. Zu den Tagen des Meeres legen große Segelschiffe an der Hakenterrasse an und können besichtigt werden. Beim Szczecin Beer Fest präsentieren über 20 Brauereien ihre Biere mit Foodtrucks und Musik.
- Juli bis August: Szczecin Eye. Von Ende Mai bis Ende August dreht sich auf der Lastadie-Insel gegenüber der Hakenterrasse ein Riesenrad.
- August: Pyromagic. Die internationale Feuerwerksshow am zweiten Augustwochenende ist eines der größten Events der Stadt. An der Hakenterrasse treten Pyrotechnikfirmen aus mehreren Ländern gegeneinander an, eine Inszenierung aus Feuer, Licht und Musik.
- November bis Dezember: Stettiner Weihnachtsmarkt. Von Ende November bis kurz vor Weihnachten zieht sich der Weihnachtsmarkt von der Blumenallee bis zum Plac Grunwaldzki. Zusätzlich gibt es Anfang Dezember einen kleinen, feinen Weihnachtsmarkt im Schloss der Pommerschen Herzöge.
Bilder
Neben zahlreichen Konzerten finden in Stettin auch immer Wassersportveranstaltungen wie beispielsweise die Watershow Szczecin oder im Winter der wunderschöne Stettiner Weihnachtsmarkt statt
Karte von Stettin
Häufige Fragen zu Stettin und dem Stettiner Haff
Wie heißt die Ostseebucht bei Stettin?
Die Ostseebucht bei Stettin ist das Stettiner Haff (polnisch Zalew Szczeciński), auch Oderhaff oder Pommersches Haff genannt. Es ist eine große Lagune im Mündungsbereich der Oder, rund 900 Quadratkilometer groß, und durch die Inseln Usedom und Wolin von der offenen Ostsee getrennt.
Wie weit ist Stettin von Berlin und von der Ostsee entfernt?
Stettin liegt rund 130 Kilometer von Berlin entfernt und nur etwa sieben Kilometer hinter der deutschen Grenze. Bis zur offenen Ostsee sind es etwa 65 Kilometer, das Stettiner Haff beginnt jedoch direkt nördlich der Stadt.
Was sind die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Stettin?
Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten zählen das Schloss der Pommerschen Herzöge, die 500 Meter lange Hakenterrasse (Wały Chrobrego), die Jakobskathedrale, der Heumarkt mit dem Alten Rathaus, die preisgekrönte Philharmonie sowie die unterirdischen Stadtrouten unter dem Hauptbahnhof.
Kann man im Stettiner Haff baden?
Ja. Das Stettiner Haff ist flach und im Sommer angenehm warm. An vielen Stellen gibt es kinderfreundliche Badestellen, etwa in Ueckermünde, Mönkebude, Nowe Warpno oder Stepnica. Durch die geschützte Lage eignet sich das Haff gut für Familien und Hunde.
Wie kommt man nach Stettin?
Stettin ist mit dem Auto über die A6 sowie mit dem Zug zum Bahnhof Szczecin Główny gut erreichbar. Aus Mecklenburg-Vorpommern ist die Anreise mit dem Länderticket günstig. Zudem gibt es den Flughafen Stettin-Goleniów.













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