Ostervilm: Die künstliche DDR-Insel im Bodden, die niemand betreten darf

Ostervilm von oben
Ostervilm (KI Bild)

Ein paar Kilometer südöstlich von Rügen, im flachen Wasser des Greifswalder Boddens, steht ein Bauwerk, das so gar nicht in die idyllische Boddenlandschaft passen will. Eine rostende Plattform auf Holzpfählen, ein verfallenes Wohnhaus, Kormorane als einzige Bewohner. Das ist Ostervilm, eine künstliche Insel, die der Mensch gebaut hat und die der Mensch dann wieder sich selbst überließ. Gerade ist sie wieder in den Schlagzeilen, weil sie unter den Hammer kommen sollte. Was es mit diesem seltsamen Ort auf sich hat, ist eine kleine Geschichte über militärische Geheimhaltung, gescheiterte Künstlerträume und die Frage, ob man so etwas überhaupt kaufen sollte.

Wofür wurde Ostervilm gebaut?

Ostervilm ist keine Insel im natürlichen Sinn. Es gibt keinen Sand, keine Dünen, keine gewachsene Erde. Es ist eine Plattform, die in den 1950er Jahren von Ingenieuren der DDR errichtet wurde, mitten im rund zehn Meter tiefen Boddenwasser. Der Zweck war militärisch und streng geheim: Hier betrieb die Volksmarine eine Entmagnetisierungsstation.

Das klingt sperrig, hat aber einen handfesten Hintergrund. Seeminen reagieren oft auf die magnetische Signatur eines Schiffsrumpfs. Nähert sich ein Schiff, registriert die Mine die Veränderung im Magnetfeld und detoniert. Um das zu verhindern, fuhren Marineschiffe über eine im Meeresboden verlegte Kabelschleife und wurden dort entmagnetisiert, also von ihrem magnetischen Eigenfeld befreit. Eine simple, aber wirksame Schutzmaßnahme im Kalten Krieg. Ostervilm war die feste Station für genau dieses Verfahren.

Für die Rüganer blieb das Ganze ein Rätsel. Die Anlage lag im Sperrgebiet, Zutritt hatten nur ausgewählte Matrosen. Vom Festland aus sah man bloß diesen Komplex im Wasser stehen und konnte raten, was dort vor sich ging.

Wie wurde sie gebaut?

Die Konstruktion ist der eigentliche Clou. Ostervilm ruht auf rund 600 in den Boddengrund gerammten Holzpfählen. Darauf liegt eine Plattform von etwa 700 Quadratmetern, mit einem Wohnhaus und den technischen Anlagen der Station. Kein Damm, keine Aufschüttung, keine Verbindung zum Land. Ein Haus auf Stelzen im offenen Wasser, erreichbar nur per Boot.

Diese Bauweise erklärt vieles, was später zum Problem wurde. Holzpfähle im Salzwasser, dauernd Wind und Wetter ausgesetzt, halten nicht ewig. Und jede Reparatur bedeutet, dass Material und Werkzeug über das Wasser herangeschafft werden müssen.

Lebten dort Menschen?

Während der aktiven Militärzeit war die Station bemannt, allerdings nur von dem kleinen Kreis an Marineangehörigen, der überhaupt Zugang hatte. Ein normales Wohnen im Sinne einer Inselgemeinschaft gab es nie. Nach der Wende endete die militärische Nutzung, die Bundeswehr als Rechtsnachfolger hatte keine Verwendung mehr für den Komplex. Rund zehn Jahre stand Ostervilm danach einfach leer und verrottete vor sich hin, Plünderern und Kormoranen überlassen.

Lange suchte der Bund einen Käufer. Die Ideen der Interessenten waren teils abenteuerlich: ein Spielcasino auf hoher See, sogar ein Bordell war im Gespräch, daneben Pläne für eine Anglerstation, eine Gaststätte für Wassersportler oder eine Teststation für Windkraftanlagen. Den Zuschlag bekamen schließlich um die Jahrtausendwende zwei Freunde, die etwas Kulturelles vorhatten: Peer Wenmakers aus Bergen und der Düsseldorfer Künstler Gerhard Benz. Sie tauften die Plattform Ostervilm, nach ihrer Lage östlich der bekannteren Insel Vilm. Ihre Vision war ein Treffpunkt für Künstler, ein Ort für Lesungen, Workshops und Ateliers, ein „Sanatorium für die Seele“ mitten im Meer.

Ostervilm Besitzer Chronik

Ostervilm Besitzer Chronik

Der Verfall über die Jahre

Wer ein verlassenes Bauwerk im Salzwasser jahrzehntelang sich selbst überlässt, bekommt am Ende genau das, was man auf den heutigen Fotos sieht. Das alte Wohnhaus steht zwar noch, aber der Zustand ist ernüchternd: Setzungsrisse, Algenbefall und Vogelkot in solchen Mengen, dass schon die bloße Entsorgung zur Aufgabe wird. Dazu kommen Salz, Wind und Feuchtigkeit, die seit Jahrzehnten ungebremst an Holz und Substanz arbeiten. Die technischen Anlagen aus der Militärzeit stehen teils noch dort, im gleichen maroden Zustand.

Die Künstlerpläne von damals scheiterten an genau diesen Bedingungen. Allein der Vogelmist musste über Monate weggeräumt werden, und für die Sanierung wurde sogar ein Wohnwagen auf die Plattform geschleppt. Doch die Kosten explodierten, vor allem weil jedes Brett, jede Schraube und jeder Sack Material per Boot herangefahren werden musste. Am Ende gaben auch diese Eigentümer auf.

Jetzt soll sie versteigert werden, aber lohnt sich das?

Das war zumindest der Plan. Die Norddeutsche Grundstücksauktionen AG hatte Ostervilm für ihre Auktion im Juni 2026 ins Programm genommen, Objektnummer N26-02-023, mit einem Mindestgebot von 39.000 Euro. Gekauft wird dabei kein klassisches Grundstück, sondern ein Nutzungsrecht an der rund 700 Quadratmeter großen Wasserfläche, dazu eine kleine jährliche Pacht.

Inzwischen weist die Auktionsseite allerdings einen Auktionserlös von 60.000 Euro aus, das Objekt gilt also als verkauft. Berichte sprechen davon, dass kurz vor dem Termin eine Absprache den Zuschlag sicherte. Wer auch immer jetzt der neue Eigentümer ist, er hat ein Bauwerk übernommen, das man vorher nicht einmal besichtigen durfte. Branchenleute nennen so etwas eine Katze im Sack: Man kauft, ohne wirklich prüfen zu können, was man bekommt. Versteckte Schäden und Altlasten aus der Militärzeit sind nicht auszuschließen.

Ob sich das lohnt, hängt komplett davon ab, was jemand damit vorhat. Und genau da wird es schwierig. Ostervilm liegt im Biosphärenreservat Südost-Rügen. Das schränkt bauliche Veränderungen massiv ein. Ein schwimmendes Hotel, ein Retreat-Center oder ein Resort sind unter diesen Auflagen kaum genehmigungsfähig. Dazu kommt die Lage: kein Straßenanschluss, nur per Boot erreichbar, rund drei Kilometer von der Insel Vilm entfernt. Jeder Handwerker, jeder Materialtransport, jede Besichtigung läuft über das Wasser. Über Jahre summiert sich das zu erheblichen Nebenkosten, die im Mindestgebot überhaupt nicht stecken.

Der nüchterne Rat, den schon die Voreigentümer aus eigener Erfahrung geben: einen detaillierten Finanzplan aufstellen und mindestens das Doppelte der geschätzten Kosten einkalkulieren. Wer Ostervilm als Renditeobjekt sieht, dürfte enttäuscht werden. Als Liebhaberstück, Kunstprojekt oder schlicht als der vielleicht ungewöhnlichste Privatbesitz der deutschen Ostsee ergibt es eher Sinn. Es ist ein Projekt fürs Herz, nicht fürs Konto.

Es gibt bereits Risse, droht sie zu sinken?

Risse sind belegt, da gibt es nichts zu beschönigen. Die Rede ist konkret von Setzungsrissen, also Schäden, die entstehen, wenn sich das Bauwerk ungleichmäßig absenkt. Bei einer Plattform auf 600 Holzpfählen, die seit Jahrzehnten im Salzwasser stehen, ist das wenig überraschend. Holz im Wasser arbeitet, fault, verliert an Tragkraft.

Ob Ostervilm deshalb zu sinken droht, lässt sich nach aktueller Quellenlage nicht seriös sagen. Eine Statik gibt es nicht öffentlich, eine Besichtigung war ja gerade nicht möglich, und keine der verfügbaren Quellen spricht von einer akuten Einsturz- oder Sinkgefahr. Setzungsrisse zeigen, dass sich etwas bewegt, sie sind aber nicht automatisch das Vorzeichen eines Untergangs. Alles Weitere wäre Spekulation. Seriös bewerten könnte das nur ein Gutachter vor Ort, der die Pfähle und die Tragstruktur prüft. Genau diese Prüfung ist bislang offenbar nicht erfolgt, und das könnte letztlich das größte Risiko für jeden sein, der hier Geld investiert.

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